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Katastrophen

Keine Krise ohne konstruierte Narrative

Es gibt praktisch keine bedeutende Krise, die nicht von hochgradig manipulativen Narrativen begleitet wird, die auf älteren manipulierten Narrativen aufbauen, insbesondere auf althergebrachten ideologischen Narrativen und Verschwörungs-Narrativen. Bei der jeweiligen Zielgruppe in der Bevölkerung soll schnellstmöglich der gewünschte „Aha-Effekt“ eintreten und bereits vorhandene Überzeugungen scheinbar bestätigen.

Die Kontrolle über die Meinungen hat eine bisher nicht gekannte weltweite Gleichschaltung erzeugt und dies betrifft insbesondere diejenigen Meinungen, die einem am meisten gefallen. Bei dem was gefällt, ist den Bürgern die Gleichschaltung egal. Diejenigen Narrative, die nicht gefallen, werden höchst misstrauisch beäugt oder von vorneherein ohne gründliche Prüfung verworfen.  Fragt man einen Linken in Deutschland, oder den USA oder Südamerika zu aktuellen Krisen, erhält man die gleichen paar Interpretationen, basierend auf der uralten Propaganda von Marx, Lenin, Stalin und Mao. Unterhält man sich im englischsprachigen oder deutschen Raum über Krisen mit Leuten aus dem rechten Spektrum oder der Szene der Verschwörungsmedien, bekommt man fast Wort für Wort die gleichen Argumente. Zeitungen aus aller Herren Länder übernehmen die gleichen Artikel von einer Handvoll Nachrichtenagenturen.

Es ist immer nur eine Frage der Zeit, bis die nächste große Krise passiert, die direkt oder indirekt unser Leben beeinträchtigt. Und mit der gleichen Zuverlässigkeit werden wir dann von verschiedenen Seiten bearbeitet mit völlig widersprüchlichen Narrativen. Die Supermächte und auch weniger einflussreiche Staaten verursachen Krisen entweder selbst als gezielte, langwierig vorbereitete Operationen, oder man trifft frühzeitig aufwändige Vorbereitungen, um im Falle einer Krise möglichst schnell reagieren zu können, um den eigenen Vorteil zu sichern. Man will nie komplett überrascht werden, sondern auf alle Eventualitäten einigermaßen vorbereitet sein. Es ist meistens vorteilhafter, die Initiative zu ergreifen und selbst Krisen auszulösen, anstatt auf Krisen zu reagieren, die jemand anderes ausgelöst hat. Darüber hinaus lassen sich über die Geheimdienste vorsorglich allerhand falsche Fährten und Spuren legen. Die Bürger hingegen haben praktisch kein eigenes Sicherheitskonzept, keine eigenen Vorbereitungen, keine eigenen Narrative, keine Initiative. Sie reagieren immer nur hinterher auf eine Krise, wenn diese bereits aufgetreten ist und sie reagieren auf eine Weise, die inzwischen mit Computeralgorithmen und Datenbanken im Rahmen der Psychometrie vorherberechnet werden kann. Sie konsumieren entweder westliche Massenmedien, russische Propaganda, linke, rechte oder „alternative“ Medien und sind dadurch unfähig, ein akkurates, vollständiges Bild von der Krise zu erhalten und zu ergründen, was zu tun ist.

Als die koreanischen Kommunisten 1950 den Süden des Landes angriffen, behaupteten sie, dass der Süden zuerst geschossen hätte. Es handle sich um einen Akt der kommunistischen Selbstverteidigung und einen Befreiungskampf gegen den Weltfaschismus bzw. die rechte Weltverschwörung. Selbstverständlich konnte man auf Ausrüstung und Training zurückgreifen, das man von den Genossen aus der Sowjetunion und China erhalten hatte. Die USA beschrieben ihren Kriegseintritt als eine Befreiungsaktion zum Wohle der koreanischen Bürger und betonten, dass man dringend eingreifen müsse, weil ansonsten der Weltkommunismus ermutigt würde, in weiteren Ländern anzugreifen. Hinterher waren Millionen Menschen tot und es dauerte eine ganze Weile, bis Akademiker im Detail aufdecken konnten, dass das nordkoreanische Kriegsgerät auf Technologie beruhte, die Sowjetrussland aus den USA gekauft hatte. Die Leidtragenden sind immer die gewöhnlichen Menschen. Die Supermächte profitieren durch erhöhte Rüstung, die Ausdehnung geheimdienstlicher Aktivitäten und gesteigertes Prestige.

Die linke 68er-Bewegung war entsetzt über die Kriegsführung der USA in Vietnam, aber gleichzeitig erschreckend verständnisvoll, was die Agenda und die Methoden des Ostblocks anbetraf. Die deutsche Gesellschaft erlebte eine beispiellose Krise und die Bundesrepublik reagierte mit Notstandsgesetzen gegen den organsierten Weltkommunismus, während die Kommunisten diese Gesetze als eine nazi-ähnliche Machtergreifung und als Aktion der rechten Weltverschwörung beschrieben.

Als Russland 2014 die Krim sowie den Osten der Ukraine eroberte, benutzte man eine antifaschistische Begründung: Faschisten-Horden der NATO seien kurz davorgestanden, die Ostukraine zu überfallen und man hätte dementsprechend handeln müssen. In Russland zelebriert man nach wie vor noch den Sieg über Nazideutschland und der Antifaschismus gehört zum Staatskult, auch wenn man gleichzeitig dem internationalen rechten Lager versichert, das Putin-Regime vertrete konservative Werte und sei der Vorreiter im Kampf gegen die linke Weltverschwörung.

Die COVID-Pandemie ist ein Paradebeispiel für eine hochkomplizierte Krise, die von verschiedenen Seiten extrem stark vereinfacht dargestellt wurde mit unterschiedlichen irreführenden Narrativen. Von den allermeisten Politikern wurde felsenfest behauptet, dass es sich garantiert um einen Virus handle, der in der freien Wildbahn entstanden sein muss, obwohl Militärs und Geheimdienste genau wussten, dass dahinter auch ein Laborunfall oder ein biologischer Angriff stecken kann, und ein Angreifer jederzeit gleichzeitig weitere Mutationen und weitere Viren und sogar Computerviren einsetzen kann. Die harten Lockdowns sind nicht nur wegen COVID angeordnet worden, sondern man will vermeiden, von einem potenziellen Angriff mit einem weiteren Erreger völlig aus der Bahn geworfen zu werden. In den russischen Medien wurde teils angedeutet, die USA würden hinter der Pandemie stecken. In den russischen Medien fürs Ausland wurde die Unzufriedenheit der Bürger über die Lockdowns geschürt und breitgetreten, während es in Russland selbst streng verboten ist, die Handhabung der Regierung zu kritisieren und „irreführende Informationen“ zu verbreiten, die Menschenleben gefährden. In westlichen „alternativen“ Medien war die Rede davon, dass die kommunistische Weltverschwörung bzw. die „Weisen von Zion“ eine Fake-Pandemie inszenieren würden. Manche Kommunisten hingegen warfen der kapitalistischen Pharmaindustrie und generell einer rechten Weltverschwörung vor, den Virus völlig zu übertreiben. China beschuldigte die USA einer Verschwörung. Die Trump-Administration beschuldigte China, einen Laborunfall vertuscht und die Welt getäuscht zu haben.

Stellen wir uns vor, als Bürger von folgenden Krisen kalt erwischt zu werden in den nächsten Jahren und Jahrzehnten:

  • Ein gewaltiger Cyberangriff legt die westliche Infrastruktur lahm und zerstört massenhaft Daten und Geräte. Über Monate hinweg sind unser Leben, unsere Arbeitsplätze und unsere Finanzen beeinträchtigt. Die NATO beschuldigt offen die Russen, die wiederum behaupten, die NATO hätte sich in Wirklichkeit selbst angegriffen, um einen Vorwand zu schaffen, Russland „einzukreisen“ und anzugreifen. Es droht eine militärische Konfrontation.
  • Es verbreitet sich ein neuer Virus mit einer Todesrate von 5%. Es kommt zu extremen Lockdowns und einer Notstands-Wirtschaft. Es greifen allerhand Notstandsgesetze und wie schon bei COVID beschuldigen sich die Supermächte gegenseitig, hinter der Pandemie zu stecken.
  • Eine Atomrakete, die angeblich von nordkoreanischen Kräften abgefeuert wurde, zerstört die US-Basis in Guam. China nimmt Nordkorea in Schutz und behauptet, ein unbekannter Täter stecke dahinter. Es kommt zu einer militärischen Konfrontation und einer neuen Wehrpflicht. Viele rechtskonservative Amerikaner verweigern die Wehrpflicht, weil sie den Democrats im Weißen Haus misstrauen, und wollen eine Sezession.
  • In den USA und Europa kommt es zu massiven Spannungen zwischen Linken und Rechten, neuen Terrorwellen und gegenseitigen Vergeltungsaktionen sowie Druck auf die normalen Bürger, sich auf eine der beiden Seiten zu schlagen. Die Behörden gehen hart dagegen vor und schrecken selbst vor Folterverhören nicht zurück.
  • Die USA spalten sich in einen linken und einen rechten Teil sowie in einen Teil mit Latinos und mexikanischen Migranten. Es kommt zu einem Bürgerkrieg.
  • Es kommt zu einem begrenzten Atomkrieg, bei dem neben militärischen Zielen manche Großstädte ausgelöscht werden.
  • Russland greift Osteuropa mit Cyberwaffen an, fördert Aufstände und Chaos und erobert dann das Territorium unter dem Vorwand, die Ordnung wiederherzustellen. In Europa und den USA werden folglich Russland-Sympathisanten und Russenagenten gnadenlos gejagt.
  • Die Reserven der Banken, Aktienkurse und Währungen brechen zusammen und vernichten sowohl Firmen als auch Ersparnisse der Bürger. Die Regierungen starten eine gigantische Umverteilung und Umstrukturierung.

Es kann auch sein, dass statt einer einzelnen Mega-Krise eher eine Abfolge bzw. Kombination mehrerer mittelgroßer Krisen geschieht. Das Ergebnis ist das gleiche: Die Bürger verlieren und die Supermächte profitieren in irgendeiner Weise, und sei es nur durch die Bewahrung ihrer Herrschaft. Sobald eine Krise geschieht, werden sofort die entsprechenden, maßgeschneiderten Narrative an die Bevölkerung verteilt und es geht der dazu passende Zirkus los in der Politik und beim Aktivismus besorgter Bürger. Was soll getan werden nach einem Cyberangriff? Soll die NATO mit Atomwaffen auf die Russen schießen? Wohl kaum, weil dann die Russen mit Atomwaffen kontern. Soll die NATO mit Cyberwaffen zurückschlagen? Das geht dann kaum noch, weil das russische Internet vom Rest der Welt bereits abgekoppelt wurde und die Russen sich noch anderweitig entsprechend vorbereitet haben. Neue Sanktionen? Dann handeln die Russen halt anderweitig. Bliebe nur eine weitere NATO-Aufrüstung und eine drastisch vergrößerte Spionageabwehr, eine Hexenjagd auf Russland-Sympathisanten und Agenten. Dummerweise gibt es hier sehr viele Russlandsympathisanten. Und die behaupten felsenfest, dass die NATO sich in Wirklichkeit selbst angegriffen hätte und Russland die Tat nur in die Schuhe schieben will als Vorwand für den dritten Weltkrieg. Sowohl rechte Putin-Fans als auch die extreme Linke, manche Sozialdemokraten und die Konsumenten klassischer Verschwörungsmedien schließen sich dieser Hypothese an. Prinzipiell hätten manche Funktionäre innerhalb der NATO natürlich die Fähigkeit dazu, eine solche Krise selbst auszulösen und falsche Fährten Richtung Russland zu legen. Aber die NATO und Russland sitzen beide auf den (potenziellen) Beweismitteln und haben die größtmögliche Medienmacht, um ihr jeweiliges Narrativ zu bewerben im Fernsehen und im Internet. Selbst die sogenannten „alternativen“ Medien bzw. Verschwörungsmedien schreiben einfach nur von anderswo ab; meistens von den Russen und dem Umfeld der US Republicans. Eine wirklich unabhängige Untersuchung kommt entweder nicht zustande oder wird nicht groß beachtet.

Vernichtet eine Atomrakete die US-Basis in Guam, wird es heißen, Nordkorea hätte sie abgefeuert. Nordkorea und China werden etwas anderes behaupten. Den rechtskonservativen Amerikanern wird man erzählen, dass jetzt die große Stunde geschlagen hätte; dass jetzt mit der neuen Wehrpflicht die Patrioten eingesammelt werden für den Endkampf mit der kommunistischen Weltverschwörung. Ist die Eskalation erst einmal groß genug, könnten die Supermächte sogar eine gemeinsame Weltregierung ausrufen und endgültig ihre Kontrolle über den Planeten festigen, sodass kein staatlicher Konkurrent und kein Volk mehr diese Herrschaft in Frage stellen kann. Manche militärischen und geheimdienstlichen Experten sowie manche wenigen Akademiker ahnen zumindest, dass die Supermächte sich deutlicher die Bälle gegenseitig zuspielen, als es den allermeisten Menschen bewusst ist. Jeder weiß, dass nach dem Zweiten Weltkrieg in Jalta die Amerikaner, Briten und Russen bei Schnaps und Zigarren  Osteuropa und andere Territorien untereinander aufteilten und dass die wachsenden Atomwaffenarsenale ausreichten, um den Planeten mehrfach zu vernichten. Wir sahen gewaltige, kriegsrelevante Technologieverkäufe von US-Konzernen an die Sowjetunion, wir sahen wie westliche Industrie immer mehr nach China abwandern durfte und wie einflussreiche Staatsfunktionäre dies alles rechtfertigten mit der Hoffnung, „Wandel durch Handel“ zu erreichen, sodass die Russen und Chinesen dem Westen ähnlicher werden, um eine friedliche Zukunft zu erreichen. Jetzt heißt es von NATO-Politikern und Militärs grimmig, dass diese Strategie leider nicht aufgegangen sei, sondern dass stattdessen Russland genauso gefährlich geblieben ist wie eh und je, und dass China nun leider auch noch Weltmachtstatus inklusive ABC-Waffen besitzt. Man kann nachvollziehen, dass es für die Supermächte keinen Sinn macht, zu versuchen, sich gegenseitig wirklich zu vernichten. Sobald aber die Supermächte öffentlich erklären würden, dass sie ihre ABC-Waffen komplett verschrotten und sich gegenseitig nicht mehr als Feind betrachten, gerieten die Eliten der drei Supermächte in größte Schwierigkeiten. Die Bürger würden die Kommunistische Partei Chinas zerschlagen, die russische Mafia-Politik in den Gefängnissen verschwinden lassen und die Superreichen Amerikas enteignen. Die großen Imperien würden zerbrechen in viele neue Staaten. Die drei Supermächte brauchen sich gegenseitig und die Spannungen untereinander, um weiterexistieren zu können. Und für Spannungen braucht es Krisen.

Die einzelnen Supermächte können innerhalb und außerhalb ihrer eigenen Grenzen gefährliche Krisen herbeiführen, aber erst im Zusammenschluss der Supermächte ergibt sich das größtmögliche Krisenpotenzial.

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